Web first

Journalismus / Medienindustrie

Der britische Guardian hat vor zwei Wochen angekündigt, dass Artikel künftig zuerst im Web und erst danach in der Zeitung veröffentlicht werden («web first»). In einem Essay äussert sich Chefredakteur Alan Rusbridger zu Chancen und Risiken dieses Schrittes.

«Was ist riskanter – eine aggressive Strategie der Internetentwicklung verfolgen oder diese Entwicklung bremsen, in der Hoffnung, die Leser dadurch zur Printausgabe zurückzuführen?»

Das hat mich an den Essay («Der Journalismus lebt») von Springer-Chef Mathias Döpfner erinnert. Im Mai dieses Jahres schrieb Döpfner über die Zukunft der Zeitung und die Herausforderungen an den Journalismus. Dabei macht er einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem «vertikal» funktionierenden Internet und der «horizontalen» Zeitung.

«Globalisierter Journalismus, Internet-Journalismus unterscheidet sich grundlegend vom Zeitungsjournalismus. Denn er hat eine ganz andere Funktion. Im Internet erfahre ich schneller mehr über das, von dem ich schon weiß, daß es mich interessiert.»

Die Zeitung der Zukunft müsse sich auf ihre Stärken besinnen und dies heisse:

«Als Horizont-Medium Wünsche und Interessen schaffen und befriedigen, von denen der Leser noch gar nicht wußte, daß er sie haben könnte. Das war und bleibt ihre Zukunft, ganz gleich, ob sie auf Papier oder auf elektronischem Papier daherkommt.»

Was Zeitungen auszeichne sei ihr Kerngeschäft – der Journalismus. Und das bedeute «exklusive Neuigkeiten, eigenständige Meinungen und eine eindringliche Sprache», alles nachhaltige Bedürfnisse der Leserinnen und Leser.

Dass die von Döpfner eingeführte Unterscheidung zwischen horizontalen und vertikalen Medien bestehen bleibt, bezweifle ich. Was spricht dagegen, dass im Internet auch horizontale Bedürfnisse befriedigt werden? Gerade wegen der von Döpfner prophezeiten Einführung von elektronischem Papier oder der Zeitung, die aus dem Handy und aus dem Kugelschreiber kommt werden sich die Grenzen zwischen analogen und elektronischen Medienträger weiter verwischen. Zeigt nicht gerade das «Web-First-Prinzip» des Guardian, dass sich die Grenzen zwischen sogenanntem «Internet-Journalismus» und traditionellen «horizontalem» Journalismus schon heute auflösen?

Mehr dazu:

Spiegel Online: Essay: „Warum bis morgen warten, um zu erfahren, was heute geschehen ist?“

MediaGuardian.co.uk: It takes guts to hand your crown jewels to the future

Guardian Unlimited: The web trail

DIE WELT: Der Journalismus lebt

1 Kommentare

  1. Der zunehmenden Verbreitung von Geräten für elektronische Zeitung wie IPAD und Andorid Tablets muss Rechnung getragen werden. Den Verlagen muss es hierbei gelingen Werbeflächen in Onlinemedien ebenso erfolgreich zu vermarkten wie in Printmedien, was zum derzeitigen Zeitpunkt bei vielen Verlagen noch zu einem Zögern führt.

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