Die NZZ will keinen RSS-Feed

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Bild: NZZ

Ende Juni hat Marc Böhler von NZZ Online Mario Aeby von think eMeidi erklärt, warum die NZZ keinen RSS-Newsfeed will. Wenn man die Antwort von Böhler liest, fragt man sich, ob die NZZ schon im digitalen Zeitalter angekommen ist. Man verzichte bewusst auf einen RSS-Feed, weil man die Marke NZZ «nicht verwässern» wolle, schreibt Boehler. Ausserdem habe man «ein vitales Interesse, dass möglichst viele Leute auf NZZ Online kommen».

Naja, bislang sah ich RSS immer als Möglichkeit, meine Leserschaft aktiv über neue Einträge zu informieren und so mehr Besucher zu erhalten. Wenn die NZZ nur Titel und kurze Abstracts in den RSS-Feed integrieren würde, warum sollten die Leser dann nicht auf die Website gelangen?

Besonders interessant ist das Argument der Markenverwässerung. RSS verwässert also die Marke der 225 jährigen Traditionszeitung. Der neue NZZ Fotomanager und die Online-Partnervermittlung gehören jedoch zu den traditionellen Stärken der Neuen Zürcher Zeitung.

Weiter glaubt Boehler, dass die NZZ durch das «Deeplinking» Leser verlieren würde, die sonst über die Startseite den Einstieg in das NZZ-Angebot finden würde: «Durch das Deep-Linking direkt zu den Artikeln via RSS-Feed, verlieren wir User, die sonst unsere Einstiesseite besuchen und dann weiter zu den Artikeln gelangen.»

Die NZZ bleibt offenbar skeptisch, was RSS anbelangt und zitiert heute eine Studie des Pew Internet and American Life Projects. 87% der Befragten haben noch nie von Podcasting gehört und 91% wissen nicht, was RSS ist. Fazit von Lee Rainie, Direktor des Pew Project: «When you look at the adoption of anything, once a critical mass of people are in the know, they assume that everybody else around them are as aware as they are.»

Mario Aeby hat auf die Begründungen der NZZ mit einer lesenswerten Antwort reagiert. Alternative RSS-Feeds der NZZ bietet newsisfree.com an. Sandro Feuillet hat sie zusammengestellt.

Hier geht’s weiter:

think eMeidi: Wieso die NZZonline keinen RSS-Feed will …

DIENSTRAUM: NZZ im digitalen Niemandsland

NZZ: Stirnrunzeln über Podcasting, Phishing und RSS

Pew Internet: Public Awareness of Internet Terms: Podcasting, RSS, Phishing

MSNBC.com: Phishing, podcasting and RSS what?

8 Kommentare

  1. crake sagt

    Dieselbe Antwort habe ich auch schon vor einem Jahr erhalten, als ich mich per Mail nach einem RSS-Feed erkundigt habe. Auf ein weiteres Mail ein halbes Jahr später bekam ich nicht mal mehr eine Antwort… Traurige Sache, insbesondere wenn man bedenkt, dass andere Qualitätszeitungen wie FT oder die FAZ Feeds anbieten.

  2. Bin per RSS-Feed auf diesen Artikel hier bei Dienstraum.com gestoßen. Die NZZ will mich RSS-Junkie also nicht als Leser. Gut, kann ich verstehen, wenn ich mich so im Spiegel betrachte…
    Auf Leserbriefe mit Anfragen zu möglichen RSS-Feeds, die ich auch letztes Jahr an einige Zeitungen geschrieben hatte (Welt – hatte damals noch keine RSS-Feeds, FR – hat immer noch keine, FAZ – hat inzwischen welche, und so weiter) bekam ich nirgends eine Antwort.
    Leserbriefe schreiben ist ja aber auch ziemlich out. Dafür gibt es schließlich die Möglichkeit, ein eigenes Weblog aufzumachen. Die werden wenigstens gelesen – anders als Leserbriefe. 😉

  3. @ Sven: Die Frage nach vollen RSS-Feeds vs. RSS nur mit Abstracts taucht immer mal wieder auf. Neulich beim powerbook_blog:
    http://powerbook.blogger.de/stories/307244/
    Für mich ist es Geschmackssache. Ich bevorzuge Abstracts und lese Weblogs im Browser mit gewohntem Layout etc. Studien konnte ich auf Anhieb keine finden. Vielleicht weiss sonst jemand genauer darüber Bescheid.
    @ Jens: Vielen Dank für die weitere Möglichkeit, NZZ-Feeds zu abonnieren. Wie siehst aus mit einem RSS-Feed für Medien und Informatik? 🙂
    http://www.nzz.ch/em/index.html

  4. Hm, da würde mich mal interessieren:
    Wie schaut es denn aus mit den RSS-Feeds, die nur in „gekürzter“ Form vorliegen? Wollen das die Leser, oder sind die eher daran interessiert, gleich den Eintrag zu lesen ohne auf die Seite gehen zu müssen? Viele Blogs bieten eher die „Langfassung“ an, Magazine dagegen eine gekürzte Variante (man will ja schliesslich mit dem Klick Geld verdienen!). Gibt es darüber irgendwelche Umfragen/Untersuchungen?

  5. Es ist schade, dass die NZZ keine RSS-Feeds anbietet, aber eine legitime Entscheidung für ein Verlagshaus. Wenn dort die Politik vorherrscht die User an die Seite zu binden über die Seite, dann finde ich das ebenfalls o.k.
    Das die NZZ zu dieser Meinung steht beweisen doch die beiden Kooperationen im Bereich Partnerschaftsvermittlung und Fotoabzüge, User auf den Seiten mit zusätzlichen Services binden um die Stickyness zu erhöhen. Gut umgesetzt und sicherlich nicht unerfolgreich.

  6. Trotz des Studiums aller vorliegenden Informationen verstehe ich den Entscheid schlicht und einfach nicht (was natürlich in erster Linie an mir liegen kann). Was könnten überhaupt die Nachteile eines RSS-Services im vorliegenden Fall sein?

  7. Sansibar sagt

    Ist doch klar, dass Marken-Verwässerung, Deeplinks und Urheberrecht höchstens Vorwände sind.
    Der wirkliche Grund ist doch ganz einfach das Geld, d.h. die Angst, dass die Werbeeinnahmen leiden könnten. Alles andere ist zweitrangig.

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