Abbild der Realität?

Journalismus / Medienethik

 Nw1 Gen Slideshows Profil Cover 2005  1 Todeswelle Spiegel

Der österreichische Journalist Peter Huemer macht mich auf eine Debatte in seinem Land aufmerksam. Das Nachrichtenmagazin Profil aus Wien veröffentlichte in der Ausgabe vom 3. Januar auf der Titelseite Bilder von Flutopfern. Ein Bild auf Seite 13 zeigt sogar Todesopfer, bei denen auch Geschlechtsteile zu erkennen sind. Die Veröffentlichung der Bilder hat zum Teil sehr heftige Reaktionen ausgelöst.

Der österreichische Standard sprach mit Profil-Chefredakteur Sven Gächter und Art Direktor Erich Schillinger und fragte nach den Argumenten, welche für das Abbilden solcher Photos sprechen:

«Ein sehr zentrales Argument: die Realität abzubilden! Das Coverfoto ist fraglos schockierend, aber ebenso fraglos ist es authentisch. Es fokussiert die Tsunami-Katastrophe auf eine andere – und sicher eindringlichere – Art als die tausendfach publizierten Bilder von Leichenbergen und verwüsteten Stränden.»

in derStandard.at: Die Realität abbilden

Wie gingen andere Nachrichtenmagazine mit dieser Herausforderung um? The Economist und TIME rückten das Leid und die Trauer der Überlebenden in den Mittelpunkt. Der Spiegel stellte die Macht der Naturgewalten dar.

Vergleicht man die Titelseiten von Profil und dem Spiegel, sieht man zwei grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen. Ist es notwendig Leichen abzubilden, um die Realität der Zerstörung darzustellen? Wie schockierend müssen Photos sein, damit wir sie noch wahrnehmen? Haben uns die «tausendfach publizierten Bilder von Leichenbergen» das Ausmass der Katastrophe nicht bereits ausreichend verdeutlicht?

Die zentrale Frage scheint mir: Wie nahe müssen wir heranzoomen, damit wir einen Toten als authentisch wahrnehmen. Und: Wo wir die Grenze zum Voyeurismus überschritten?

In einer AP-Story wird zu diesem Thema Geneva Overholser, Journalistik-Professorin an der Universität von Missouri, befragt. Sie stelle einen Trend zu freizügigeren Nachrichtenphotos fest. Als sie noch Redakteurin war, existierte die Übereinkunft, dass erkennbare Leichen nicht gezeigt wurden, vor allem wenn eine Katastrophe nahe von zuhause stattfand. Sie wisse nicht, ob diese «alten Regeln» noch gelten. Sie wolle sehen, was geschehe:

«My own instinct is almost overwhelmingly that we in the news media ought to be showing the truth to people and if we don’t, we are in danger of not giving them the information that they need.»

Interessant ist der Zusatz von Overholser, dass man mit der Veröffentlichung von Photos zurückhaltender sei, wenn die unmittelbare Umgebung betroffen ist. Persönlich betroffen sind von der Tsunami-Katastrophe viele. Auch in Europa und den USA sind hohe Opferzahlen zu beklagen.

Ist man deshalb allgemein zurückhaltender mit der Veröffentlichung von Photos? Oder hält man einfach die Opferbilder ausländischer Touristen zurück und veröffentlicht stattdessen Bilder der lokalen Bevölkerung?

Verlässt man die Ebene der kühlen Analyse und stellt man sich vor, man wäre persönlich betroffen (was für viele auch bei uns der Fall ist), wird eine bedingungslose Forderung nach «Wahrheit» schwieriger. Ein Leser schrieb dazu in einem Kommentar zur Medienlese von gestern:

«[Ich erlaube] mir die Anmerkung, dass persönliches Leid zur Gänze privater Natur und daher dem stets (auch) voyeuristischen und sensationslüsternen Blick der Öffentlichkeit entzogen ist. Niemand möchte sein Antlitz z.B. nach dem jähen Verlust seiner Angehörigen tränenüberströmt einer breiten Öffentlichkeit präsentiert sehen, ganz gleich ob in einer Zeitung oder auf dem TV-Bildschirm. Dies umso weniger als entsprechende Abbildungen so gut wie nie allein der reinen und ehrlichen Berichterstattung dienen, sondern fast immer auch eine kommerzielle Dimension haben.»

Economist Tsunami Time Tsunami

2 Kommentare

  1. Ist gut für die verkaufte Auflage, die Werbekunden freut das (so einfach ist das).

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