NEWS und das Recht auf Zitate

Journalismus / Medien

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Gestern startete die Tabloid-Zeitung «News» der Verlagsgruppe Handelsblatt. Die Zielgruppe ist die sogenannte «iPod-Generation»: Jung, konsumfreudig, mobil, jedoch zu gestresst, um eine traditionelle Tageszeitung zu lesen.

Für Aufregung hat eine Art gedruckte Blogschau gesorgt, eine tägliche Zusammenstellung von Zitaten aus Weblogs. Betreut wird die Seite u.a. von Alt-Blogger Stephan Mosel von weblog.plasticthinking.org. Auf Blogbar wurde gestern und heute hitzig über Zitatrecht und Urheberrecht diskutiert und die Tatsache bemängelt, dass bei den Autoren vorher nicht um Erlaubnis für die Publikation der kurzen Textausschnitte gefragt wurde. Die Diskussion hat mich tatsächlich dazu gebracht, den Ratgeber (Schweizer Presserecht) zur Hand zu nehmen und unter Kapital 3 (Urheberrecht und Zitate) nachzulesen.

Man kann einiges kritisch beurteilen: Verlieren Weblogs ihren Charme, wenn sie in gedruckter Form zu lesen sind? Was ist von einem Billigtabloid (50 cent) zu halten, welches Journalisten unter Tarif bezahlt und Studenten eine Karriere vom «Zeitungsjungen zum Redakteur» verspricht? – Warum ist aber gerade der Aufschrei bei Bloggern so gross, die ja täglich «à discretion» aus SpOn, heise und Netzeitung zitieren? Die Zitate bei «NEWS» sind zumindest korrekt gekennzeichnet und die Quelle ist angegeben. Natürlich kann man darüber streiten, ob bei der Blogschau ausser den Zitaten noch ein eigenständiges Werk vorhanden ist. Ob die Zitate zur Veranschaulichung eines eigenen Gedankens dienen, demzufolge eine legales Kleinzitat vorliegt oder ob wir es bereits mit einer Zitatesammlung/Presseclipping zu tun haben. Bla. Fragen für Medienjuristen.

Website: NEWS

Weblog: NEWSblog

Reaktionen in Weblogs:

Blogbar: Blogs, die billige Contentmaschine

Moe’s Blog: „News“: Weblogs in der Zeitung

blogosfear.org: Blogs in der Zeitung – so oder anders?

Megawatt: Contentmaschinen

ITW: »News«, die Blogger und die Folgen [4x upd.]

Berichte in Zeitungen:

Spiegel Online: Mit den Kleinen groß rauskommen

FR: Zeitungsautor wider Willen

FR: Journalismus für die U-Bahn

FTD: Neue Tabloid-Zeitungen buhlen um junge Leser

Berliner Zeitung: Koch und Couscous

Netzeitung: Blogger kritisieren Weblog-Seite in «News»

Netzeitung: «Handelsblatt» startet neue Tageszeitung

FAZ: Wellenreiter: Der schöne Blick auf den Main – FAZ.NET – Feuilleton

Heise: heise online – „NEWS“: Die iPod-Generation frisst ihre Kinder

taz: Sushi zum Lesen

Verlagsgruppe Handelsblatt: NEWS: Verlagsgruppe Handelsblatt launcht neue Tageszeitung im Tabloid-Format (Pressemitteilung)

9 Kommentare

  1. Warum sorgt das Ganze für so eine Aufregung in der Blogosphäre? Weil man Weblogs dazu benützt, um möglichst billig eine Seite produzieren zu können und damit den sichtbaren Werbeanteil für den Leser zu senken. Denn ansonsten würde News wie die U-Bahnzeitung in Wien aussehen. Ob jetzt da gegen Creative Commons verstoßen wurde oder nicht, ist eigentlich doch nur Nebensache. Darum keine Blogs in Zeitungen, nicht in dieser billigen Form!

  2. dogfood sagt

    @michael: „sieht für mich aber mittlerweile so aus, als hätten Blogger etwas gegen Zitate“
    aus naheliegenden gründen habe ich in reaktion dadrauf diverse einträge und kommentare gelesen. nur eines habe ich nicht angetroffen: blogger die gegen das zitieren an und für sich waren. nicht einen einzigen. null. nada.
    auch wenn viele leute das aus daffke nun so darstellen.
    es gibt je nach couleur unterschiedliche rahmenbedingungen unter denen man sich ein zitieren verbittet oder um nachfrage bzw. bittet oder freie hand lässt.

  3. Ob NEWS ein besonders «edles» Umfeld für Weblogs darstellt, darüber kann man streiten. Ich sähe auch lieber eine Weblog-Kolumne in der NZZ als im Schweizer 20 Minuten. Aber wieso nicht auch in der Pendlerzeitung?
    Wenn aus meinem Weblog 2-3 Sätze mit Quellenangaben zitiert werden, dann freut mich das. Das ist das, was ich täglich auch in meinem Weblog mit anderen Quellen mache.
    Sieht NEWS Weblogs als billige Contentlieferanten? Mag sein. Vielleicht hat der Aufschrei ja wirklich mit einer grundsätzlichen Ablehnung von NEWS zu tun, sieht für mich aber mittlerweile so aus, als hätten Blogger etwas gegen Zitate.

  4. @dogfood: Der Kern der Frage ist, ob man von «NEWS» zitiert werden möchte oder nicht. Ich sehe es nicht so dramatisch: Ein Zitat aus dem DIENSTRAUM in «NEWS» würde ich (ohne grosses Freudengeschrei) zur Kenntnis nehmen, mich aber nicht dagegen wehren. Andere Blogger hingegen verbitten Sich ein Zitat explizit. Auch das ist legitim. Zwei verschiedene Standpunkte.
    Ob Du nun ein notorischer Zitatverweigerer bist oder ich grenzenlos naiv, das ist zugegebenermassen nur noch die polemische Fortsetzung der Diskussion.

  5. News-Frankfurt: Blogger als Zitatenschatz

    Die Zeitung „News“ hat eine Lehre aus der Zitaten-Kontroverse gezogen. Sie will künftig laut Frankfurter Zeitung „Erst fragen, dann klauen“. Damit reagiert die Tabloid-Zeitung auf die teils herbe Kritik der Blogger, die das Zitieren als Content-Klau e…

  6. NEWS sammelt zu einem – kurzfristig selbstgewählten – Thema ohne besonderen Aufwand Stimmen aus Weblogs, ohne deren Betreiber zu fragen – nicht einmal im Sinne eines kleinen Hinweises auf dieses vorgeschoebene Print- bzw. Old-Economy-Engagement für das Weblogwesen!
    Es handelt sich dabei nicht um Zitate, weil sie nicht wie Zitate verwendet werden, weder zur Stützung oder Illustration eigener Standpunkte noch zur Verankerung von Kritikansätzen an Aussagen anderer. Es handelt sich lediglich um eine Anthologie mit obendrein kommerziellen Absichten, für die üblicherweise Rechte eingeholt werden.
    Zentral ist aber, dass einige Creative-Commons-Lizenzen missachtet wurden. Das ist wirklich ZENTRAL, denn im Gegensatz zur Diskussion um Zitate oder Anthologienzusammenstellung bzw. Engagegement für oder Ausnutzung des Weblogwesens ist an diesem Sachverhalt nicht zu deuteln. Zumindest unter der Annahme, dass es sich tatsächlich um eine Anthologiezusammenstellung handelt, und wenn die – für das Thema ja durchaus sensibilisierten – Betroffenen davon ausgehen, dann muss man diese Empörung auch verstehen.
    Die Schuld an der Aufregung insgesamt liegt aber auf jeden Fall bei NEWS, denn wenn wirklich eine Public Relations-Aktion für neue Nachrichtenformen den Hintergrund der „Blogschau“ bilden sollte, dann hätte man die Blogger auf jeden Fall einbeziehen müssen, zumindest die, die man in die ersten Blogschaus aufzunehmen gedachte – a) um die optimalen Ausgangsbedingungen einer solchen Aktion abzuklopfen und b) um Synergieeffekte positiver Kommentare über die NEWS-Aktion in anderen Weblogs mitzunehmen.
    Schade!

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