Jeder ist Chefredakteur

Blogging / Online-Journalismus

Was will uns der Schreiber nun sagen? Dass Weblogs ein Phänomen von kurzer Dauer sind? Wohin wird die Karawane denn weiterziehen?
Telepolis: Jeder ist Chefredakteur
„Der Weblog-Journalismus gibt den Nutzern die Möglichkeit, ihre eigenen Chefredakteure beim täglichen Zusammenstellen ihrer eigenen Zeitung zu sein. Für viele, die sich ohnehin vom politischen, medialen, sozialen oder künstlerischen Diskurs ausgeschlossen fühlen, ist das eine unwiderstehliche Versuchung. (…) Weblogs bieten Geschwindigkeit und die Möglichkeit zur selbstverantworteten Souveränität, was sie zu einem mächtigen Mittel der privaten Meinungsäußerung im öffentlichen Raum machen kann. (…) Doch die Medien werden aufmerksam, die Kommerzialisierung ist nur noch ein Frage der Zeit, weil die wirklich werbefreien und kostenlosen Communities auf Selbstausbeutung beruhen, und die ersten Aktiven denken an den Abbruch der Zelte. Die Karawane wird also weiterziehen. Die nächste Oase lockt schon.“

13 Kommentare

  1. ich sehe weder mich als chefredakteur, noch meinen blog als meine private tageszeitung. der fun, den ein blog mit sich bringt, der kontakt zu anderen bloggern, und das schaffen neuer verbindungen im netz – ist es nicht das, was uns täglich anhält neue einträge zu schreiben?
    ich sehe jedes weblog als ein taxi, das uns in der stadt der inormationen, dem itnernet, von infopoint zu infopoint kutschiert. deshalb an dieser stelle: DANKE an alle taxifahrer…
    es bleibt also nur zu hoffen, dass sich marcus hammerschmidt mit der aussage „die kommerzialisierung ist nur noch ein frage der zeit“ genauso getäuscht hat wie mit den „chefredakteuren“ und den „privaten tageszeitungen“.
    @ marcus: netter versuch, dich in den weblogs deutschlands in den vordergrund zu stellen. du hast es geschafft. glückwunsch. aber ich werde mir bei der lektüre von telepolis demnächst öfters überlegen, ob ich deine beiträge überhaupt noch für lesenswert halte.

  2. Telepolis: „Die ganzen Sozialschmarotzer wahrscheinlich. Unsereins muss jedenfalls arbeiten. Oder Bier trinken.“
    Ups, ich bin ja Student und damit wohl so eine Art Sozialschmarotzer. Der Autor scheint mir etwas fantasielos. Einen Weblog zu führen braucht schließlich nicht länger als eine E-Mail zu schreiben, und ich denke doch, daß der Autor schonmal eine geschrieben hat. Wer natürlich etwas mehr Aufwand für seinen Weblog betreibt und auch ein paar Leser haben will, muß etwas mehr Zeit investieren. Wenn man es mit einem Hobby vergleicht, ist man auf dem richtigen Weg. Es gibt ja schließlich auch Leute, die Briefmarken sammeln, Amateurfotografie betreiben, sich eine DVD ansehen oder auch einfach etwas besonderes kochen. Das sind dann wohl auch alles Schmarotzer, gell? Ein Weblogger sammelt möglicherweise interessante Informationen und filtert sie. Jeder Weblog ist mehr oder weniger mit bestimmten Themen beschäftigt, d.h. im Grunde ist ein Weblog eine kostenlose Dienstleistung an der Leserschaft, also eher das Gegenteil von Schmarotzertum.
    Telepolis: „Doch die Medien werden aufmerksam, die Kommerzialisierung ist nur noch ein Frage der Zeit, weil die wirklich werbefreien und kostenlosen Communities auf Selbstausbeutung beruhen, und die ersten Aktiven denken an den Abbruch der Zelte.“
    Fragt sich nur, wann die Karawane von Telepolis wegzieht. Nein, jetzt im Ernst: a) Um den Vergleich zu einem Hobby nochmal zu bringen: Der Autor beutet sich bestimmt auch regelmäßig beim Anschauen einer DVD oder eines Kinofilms aus. b) Nicht nur die ersten Aktiven denken an den Abbruch der Zelte. Jeder, der einen Weblog schreibt denkt immer wieder daran. Aber das ist nur natürlich. Manchmal muß man eben etwas neues machen. Und wenn man es eine Zeit lang mit dem bloggen übertrieben hat, sollte man wohl auch mal eine Pause machen. Oder sich ganz davon lösen, wenn es weniger Spass brachte als es Anstrengung kostete.

  3. roland sagt

    thomas: der sozialschmarotzer-satz ist eindeutig ironisch gekennzeichnet.
    sonst: hammerschmidt hat eine stimmungslage wiedergegeben, die tatsächlich in vielen weblogs zu finden ist, meiner meinung nach allerdings etwas völlig normales als begeleitphänomen von popularisierung ist, nämlich die erfahrung, dass es praktisch überhaupt keinen distinktionsgewinn mehr bringt (falls es das je hat), ein weblog zu führen, man also nicht mehr „independent“ ist, was immer das jetzt heißen mag, sondern in der masse der weblogs viele entwicklungen sieht, die mit einem selbst nichts mehr zu tun haben. die skizzierte perspektive glaube ich übrigens nicht „kommerzialisierung“ usw., aber das recht auf irrtum behalte ich jedem vor.

  4. Es ist schon interessant. Da macht der eine oder andere Blogger Sommerpause und schon reden wir vom kollektiven Blogger-Burnout.
    Zur Illustration der heftige Disput zwischen Nick Denton und Dave Winer.
    Nick Dentons Theorie…
    Nick Denton: The summer shutdown
    Nick Denton: The blog bubble
    … und Dave Winers Antwort:
    Dave Winer: completely missed the point

  5. Ein Weblog an sich ist tatsächlich nichts Besonderes mehr. Die immer mal wieder anzutreffende Befürchtung, deswegen in der Masse unterzugehen, teile ich aber nicht, da ich nicht von einem Distinktionsbedürfnis o.ä. getrieben bin. Denn mich mit Leuten austauschen, mit denen ich eine gemeinsame Wellenlänge oder was auch immer habe, kann ich ja weiterhin, auch wenn es etwas unübersichtlicher wird. Man muß sich eben unter den Weblogs passende Kontakte und interessanten Lesestoff suchen wie im sonstigen Leben auch. Ein Weblog ist ja noch nicht als solches interessant.
    Mehr zum Thema unter diesem Eintrag:
    http://irene.antville.org/20020706/85838/

  6. Weblog-Burnout? Na das ging ja schnell. Sind wir denn so wenig widerstandsfähig? Wirklich? Und wie unsinnig. Erst losziehen und die ‚Botschaft‘ verkünden und dann den Kopf einziehen, wenn die Massen auf sie hören. So ein Quatsch.

  7. 2 Fragen hätte ich da an den Schreiberling
    1. Wohin zieht die Karawane?
    2.Wie soll eine kommerzialisierung denn aussehen?

  8. Leute!
    1)Es fühlt sich ja beinahe so an, als hätte ich einen Abgesang auf den Punk geschrieben, und als brüllten die Irokesen zurück: „Punx not dead!“ Wollt ihr bitte auch wahrnehmen, daß dieser Artikel auch meiner Faszination an dem Medium Ausdruck verleiht?
    2) Bei Praschls schrieb ich:
    Weblogs are here to stay
    Das ist doch klar. Ein bestimmter, uns wohlbekannter Mitblogger kommentierte neulich, es sei an der Zeit, weiterzuziehen. Das erinnert mich ein wenig an die Stimmungslage Mitte der Neunziger, als die Altnerds die Hunnen über das Netz herfallen sahen, und sich an gute alte Zeiten zu erinnern begannen, die gerade mal zwei, drei, vier Jahre vergangen waren. „Damals noch …“ Die Altnerds sind wichtig, die Hunnen sind wichtig, die Schockwelle ist wichtig, die die Oasen vor sich hertreibt, das gehört alles einfach dazu, so wie das Ganze beschaffen ist. Idylle funktioniert nicht. Und logischerweise geht es letztendlich wie bei allen Kunstformen darum, ob die Werke etwas taugen oder nicht.
    3) Macht euch locker. Bitte.
    Grüße,
    MH

  9. Der Titel „Jeder ist Chefredakteur“ ist ungluecklich (darf sich bei TP eigentlich der Autor die Headline aussuchen, oder nur der Herr Chefredakteur? ;-), das geht in die Richtung, jeder Weblogbetreiber habe journalistische Ansprüche, träume den grossen Traum vom grossen Journalisten.

  10. @ marcus: ok, mann. das ist ne korrekte reaktion, hier einen post abzulassen. nur tu mir (und vielleicht allen, die den artikel falsch verstanden haben), den gefallen, und denk darüer nach was du da schriebst. ich mein: der artikel kam überalle gleich an, hast du warscheinlich gemerkt.

  11. > 2.Wie soll eine kommerzialisierung denn aussehen?
    Hm, so wie beim Weblog der ZEIT?
    Auch „berühmte“ Leute fürs Bloggen ztu bezahlen wär ne Variante. (Gabs sogar schon: Joseph von Westphalen für ZDF.aspekte ca. 1996, 1997. Nur hiess es damals noch nicht so.

  12. Roland: Stimmt, da hätte ich meinem Gehirn eine Sekunde mehr Bedenkzeit gönnen sollen. Die Ironie ist tatsächlich deutlich erkennbar.
    Marcus: Sorry für meine überschwenglichen Worte. Jetzt, wo ich mich locker gemacht habe, sehe ich etwas klarer.
    Die weitere Entwicklung der Weblogs stelle ich mir so vor:
    a) Nach der großen Medienaufmerksamkeit beginnen immer mehr Leute einen Weblog (das passiert wohl gerade).
    b) Wenn „jeder“ einen hat und der Hype abflaut wird es für viele uninteressant und der Weblog wird aufgegeben. Dieser Effekt wird aber stärker bei denen sein, die erst im Hype aufgesprungen sind.
    c) Das Medium (privater) Weblog wird nicht aussterben, die Zahl der Autoren und der Leserschaft wird sich irgendwo einpendeln. (langfristig, unabhängig von den kommenden demografischen Entwicklungen)
    d) Die kommerziellen Varianten kommen so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber auch dabei wird es nach einem Hype eine Ausdünnung geben, spätestens wenn die Anbieter nach einer Experimentierphase eine Kosten/Nutzen-Rechnung anstellen (nach der Überbesetzung einer Nische fallen automatisch einige ab).
    Alles in allem tatsächlich kein Grund Panik zu schieben. Es ist eine ganz normale Entwicklung.

  13. „weil die wirklich werbefreien und kostenlosen Communities auf Selbstausbeutung beruhen“
    Mir ist ehrlich gesagt nicht klar, was das genau heissen soll. Und wieso „Selbstausbeutung“???
    Claus

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